Happy Sunday!
Wenn Unternehmen nach Wachstum suchen, beginnt meistens dieselbe Diskussion. Welches Produkt könnten wir noch entwickeln? Welchen Kanal sollten wir testen? Welche Zielgruppe fehlt uns noch?
Diese Woche sind mir drei Cases aufgefallen, die den Blick einmal umdrehen.
Harvard macht aus der begrenzten Zeit seiner Professoren ein skalierbares AI Produkt. Ipsy baut aus Millionen Reviews, Produkttests und Kundendaten ein B2B Geschäft. Und Foot Locker versucht, 52 Jahre Sneakerhistorie wieder in einen echten Kaufgrund zu übersetzen.
Vielleicht liegt der nächste Wachstumshebel also längst im Unternehmen. Er wird bisher nur noch nicht als Produkt behandelt.
Let´s go!
CASE 01 · AI & EDUCATION
Harvard klont seine Professoren

Screenshot von Harvard Business School
Ein Harvard Professor kann vielleicht 30 Gründer persönlich coachen. Seine AI Version kann theoretisch 30.000 Gründern denselben Pitch zum fünfzigsten Mal anhören.
Harvard Business School hat einen achtwöchigen Onlinekurs für angehende Gründer gestartet. Der HBS Foundry Startup Bootcamp kostet 699 Dollar und soll Teilnehmer von einer ersten Idee bis zu einem getesteten Geschäftsmodell und einem finanzierungsfähigen Pitch bringen.
Es gibt weiterhin LiveSessions mit echten Experten. Bei vielen Übungen übernehmen allerdings AI Versionen der Harvard Dozenten.
Teilnehmer können Investorengespräche, Sales Calls und Board Meetings üben, Feedback bekommen und direkt noch einmal anfangen. Ein echter Professor würde spätestens nach dem siebten identischen Uber für Bananen Pitch vermutlich seine gesamte Berufswahl überdenken.
Der wichtige Punkt ist für mich, dass Harvard damit keine weiteren Vorlesungsvideos skaliert. Das war schon vor 15 Jahren möglich.
Der Engpass bei guter Weiterbildung ist häufig das individuelle Feedback. Jemand muss sich deinen Pitch anhören, deine Argumentation verstehen und dir sagen, an welcher Stelle sie auseinanderfällt. Genau diese Leistung ist wertvoll und gleichzeitig schwer zu skalieren.
Harvard versucht jetzt, die erste Feedbackschleife von der verfügbaren Zeit eines Professors zu lösen. Die AI übernimmt wiederholbare Übungen und erkennt vermutlich einen großen Teil der typischen Fehler. Die echten Experten können ihre Zeit anschließend dort einsetzen, wo Erfahrung, Kontext und eine echte Diskussion mehr Wert schaffen.
Das Denkmodell lässt sich ziemlich gut auf andere Unternehmen übertragen.
In einer Agentur könnte ein AI System den ersten Check einer Landingpage übernehmen. Dafür müsste es erfolgreiche Seiten, Kundenreviews, Heatmaps, Brand Guidelines und frühere Feedbackschleifen kennen. Es könnte prüfen, ob der Angle aus der Anzeige auf der Seite wieder auftaucht, ob die wichtigsten Einwände beantwortet werden und ob die Proof Elemente überhaupt zum Versprechen passen.
Der Senior Stratege schaut anschließend auf die schwierigen 20 Prozent. Er muss weniger Zeit damit verbringen, zum vierzigsten Mal dieselben Grundlagen zu erklären.
Bei einem SaaS Unternehmen könnte dieselbe Logik im Onboarding funktionieren. Ein Beratungsunternehmen könnte Kunden zunächst durch eine AI gestützte Diagnose führen. Ein Vertriebsteam könnte Kundengespräche simulieren und Einwände üben, bevor ein Sales Lead echtes Feedback gibt.
Dafür muss das Expertenwissen allerdings sauber übersetzt werden. Welche Kriterien machen einen guten Pitch aus? Welche Fehler tauchen ständig auf? Wie unterscheidet sich brauchbares Feedback von einer freundlich formulierten Zusammenfassung?
Ein AI Avatar allein ist noch kein Produkt!! Das eigentliche Asset besteht aus den Entscheidungsregeln, Beispielen und Erfahrungen, die dahinter liegen.
Genau deshalb finde ich den Harvard Case so gut. AI wird hier als zusätzliche Kapazität eingesetzt. Eine bisher knappe Leistung kann dadurch mehr Menschen erreichen.
CASE 02 · BUSINESS-MODELL
Ipsy verkauft jetzt, was seine Kunden nebenbei produzieren

Ipsy
Ipsy verschickt personalisierte Beauty Abos mit Proben und Produkten verschiedener Marken.
Vor der ersten Box beantworten Mitglieder Fragen zu ihren Vorlieben. Danach testen sie Produkte, schreiben Bewertungen, kaufen einige davon und erstellen teilweise Content dazu.
Über Jahre ist daraus eine ziemlich wertvolle Infrastruktur entstanden.
Ipsy kuratiert jährlich rund 4.000 Produkte von etwa 500 Marken. Die Mitglieder testen im Durchschnitt 30 unterschiedliche Marken pro Jahr. Allein im vergangenen Jahr entstanden fünf Millionen Produktbewertungen.
Jetzt macht Ipsy daraus ein eigenes B2B Angebot.
Über Ipsy Marketing Solutions können Beauty Marken Produkttests, Zielgruppenanalysen, Creator Kampagnen, Events und Paid Media buchen. Ipsy bringt dafür seine First Party Daten, ein Netzwerk von rund 3.000 Creatorn und den direkten Zugang zu Millionen Beauty-Kunden ein.
Der wertvollste Teil ist die geschlossene Schleife.
Eine Beauty Marke kann ein neues Produkt an eine passende Kundengruppe schicken. Ipsy sieht anschließend, wer es ausprobiert, wie es bewertet wird und welche Käufer besonders gut darauf reagieren. Aus den Tests entstehen Reviews und Creator Content. Rund um den späteren Retail Launch kann genau diese Zielgruppe erneut angesprochen werden.
Ipsy hat das bereits mit der koreanischen Hautpflegemarke OliviaUmma gemacht. Mitglieder bekamen Proben, eine passende Gruppe wurde später zum Sephora Launch erneut aktiviert und das beworbene Produkt war anschließend ausverkauft. Wie groß Ipsys direkter Anteil daran war, wurde leider nicht veröffentlicht.
Trotzdem wird deutlich, wofür eine Marke hier bezahlt. Sie bekommt Produkttest, Research, Content, Zielgruppe und Aktivierung aus einem System.
Genau an dieser Stelle würde ich auch im eigenen Unternehmen suchen.
Fast jedes Business produziert im Tagesgeschäft wertvolle Nebenprodukte! Supporttickets zeigen, welche Probleme Kunden wirklich haben. Retourengründe zeigen, wo Produktversprechen und Realität auseinanderlaufen. Bewertungen liefern die Sprache, in der Kunden über das Produkt sprechen. Verkaufsdaten zeigen, welche Zielgruppen, Bundles und Anwendungsfälle häufiger funktionieren.
Ein Großteil davon landet getrennt in Shopify, Zendesk, Meta, Slack und irgendwelchen Präsentationen, die nach dem nächsten Meeting nie wieder jemand öffnet.
Eine DTC Marke könnte daraus beispielsweise einen regelmäßigen Category Report für ihre Handelspartner bauen. Eine Agentur könnte aus hunderten Tests Benchmarks und Diagnoseprodukte entwickeln. Ein Softwareunternehmen könnte anonymisierte Nutzungsmuster verwenden, um Kunden früh auf Probleme hinzuweisen.
Daraus muss nicht sofort ein komplett neues Unternehmen entstehen. Häufig ist der erste Hebel viel näher am Kerngeschäft. Die Daten können bessere Produkte, stärkere Verkaufsargumente, präzisere Creatives oder einen überzeugenderen Retail Pitch ermöglichen.
Ipsy geht einen Schritt weiter und verkauft diese Fähigkeit an eine zweite Kundengruppe.
Das kann sehr lukrativ werden. Es birgt allerdings auch eine Gefahr. Sobald Ipsy einfach nur noch bezahlte Platzierungen verteilt, leidet das Vertrauen seiner Mitglieder. Die Daten und der Zugang sind schließlich nur wertvoll, weil Menschen Ipsy bei der Produktauswahl vertrauen.
Ein zweites Geschäftsmodell funktioniert deshalb besonders gut, wenn es das Asset monetarisiert und gleichzeitig den Grund schützt, aus dem dieses Asset überhaupt entstanden ist.
CASE 03 · BRAND BUILDING
Foot Locker macht aus seiner Vergangenheit wieder ein Produkt

Foot Locker
Alle reden über kurze Aufmerksamkeitsspannen und die ersten drei Sekunden eines Videos. Foot Locker startet seine neue Markenplattform mit einem zweiminütigen Film über 52 Jahre Sneakerkultur.
Der Film wird von Method Man gesprochen und zeigt prägende Modelle wie den roten und schwarzen Air Jordan 1, den Adidas Stan Smith, den Converse Weapon, New Balance Grey und den Nike Air Force 1.
Foot Locker setzt sich dabei selbst wieder in die Geschichte dieser Produkte.
Das ist wichtig, weil sich die Rolle des Händlers massiv verändert hat. Nike, Adidas und New Balance verkaufen heute über eigene Shops, Apps und Flagship Stores. Kunden brauchen Foot Locker kaum noch, um grundsätzlich an Sneaker zu kommen.
Die Marke braucht deshalb eine bessere Antwort darauf, warum Menschen trotzdem dort kaufen sollen.
Der Film positioniert Foot Locker als Teil der Kultur, die all diese Modelle groß gemacht hat. Das Unternehmen möchte für Auswahl, Einordnung, Community und fünf Jahrzehnte Sneakerhistorie stehen.
Daraus wird außerdem mehr als ein einzelner Imagefilm. Gemeinsam mit Hartbeat entsteht die 36 teilige Serie “Sole Stories“, in der Creator und Sneakerfans die Geschichten hinter wichtigen Schuhen erzählen. Der lange Film setzt die große Erzählung. Die kurzen Episoden liefern anschließend Material für Social Media, Influencer, Stores und digitale Kanäle.
Ich finde den Ansatz gut. Die gerade veröffentlichten Geschäftszahlen zeigen allerdings auch sehr deutlich, was der Film nicht leisten kann.
Foot Locker wurde 2025 für rund 2,4 Milliarden Dollar von Dick’s Sporting Goods übernommen. Im zweiten Quartal 2026 fielen die vergleichbaren Verkäufe bei Foot Locker um 3,6 Prozent. Dick’s musste seine Prognose senken und verwies unter anderem auf schwache Produktneuheiten, hohe Promotions im Markt und vorsichtigere Konsumenten.
Ein zweiminütiger Liebesbrief an die Sneakerkultur repariert keine veralteten Produkte und gibt dem Kunden noch keinen Grund, morgen in eine Filiale zu gehen.
Die Vergangenheit wird erst dann zum wertvollen Asset, wenn sie sich in der heutigen Kundenerfahrung bemerkbar macht.
Wenn Foot Locker wirklich ein Zuhause für Sneakerkultur sein will, muss man das im Sortiment, bei exklusiven Releases, in der Beratung und in den Stores erleben. Die Mitarbeiter müssen mehr können, als den Karton aus dem Lager zu holen. Die Auswahl muss Orientierung bieten. Events, lokale Communitys und Content müssen Foot Locker näher an die Kultur bringen als einen gewöhnlichen Online Shop.
Genau das ist die relevante Lesson für Händler, Agenturen und Plattformen, deren Lieferanten theoretisch direkt zum Kunden gehen können.
Sobald der Hersteller dich umgehen kann, reicht der reine Zugang zum Produkt kaum noch aus. Dann braucht es einen Mehrwert, den weder Hersteller noch Wettbewerber einfach kopieren können. Das kann Beratung, Kuration, Community, Convenience oder ein besonders guter Zugang zu einer Zielgruppe sein.
Auch die Content Logik finde ich übertragbar.
Viele Unternehmen produzieren jede Woche zwanzig voneinander getrennte Posts und Ads. Foot Locker beginnt mit einer großen Erzählung und leitet daraus Dutzende kleinere Geschichten ab. Dadurch zahlt jeder Inhalt auf dieselbe Positionierung ein.
Longform ist dabei kein Selbstzweck. Zwei Minuten sind sinnvoll, wenn das Problem tiefer im Kopf des Kunden liegt. Foot Locker muss erst wieder erklären, welche Rolle die Marke überhaupt spielt. Drei Produktshots und ein Rabattcode reichen dafür kaum aus.
Der gemeinsame Punkt
Harvard hatte das Wissen seiner Professoren bereits.
Ipsy hatte die Daten, Reviews und Kundenbeziehungen bereits.
Foot Locker hatte 52 Jahre Sneakerhistorie bereits.
Alle drei Unternehmen versuchen gerade, etwas Vorhandenes in einen neuen Wachstumsmotor zu verwandeln.
Das relevante Asset muss dabei kein Patent und keine eigene Software sein. Es kann auch ein Prozess sein, den das Team besonders gut beherrscht. Eine Zielgruppe, zu der andere Unternehmen kaum Zugang bekommen. Eine Sammlung aus Daten und Learnings. Oder eine Geschichte, die ein neuer Wettbewerber selbst mit sehr viel Geld nicht glaubwürdig kopieren könnte.
Bevor man das nächste Produkt entwickelt, lohnt sich deshalb ein Blick auf die Dinge, die im Tagesgeschäft längst entstehen und bisher kaum genutzt werden.
Vielleicht steckt das nächste Produkt bereits in einem Supportordner, einer internen Tabelle oder in zehn Jahren Unternehmensgeschichte.
Das war’s für diese Woche.
Wenn dir beim Lesen ein Asset eingefallen ist, das in deinem Unternehmen bisher ziemlich ungenutzt herumliegt, antworte mir gerne auf diese Mail. Ich bin neugierig, was daraus werden könnte.
Genieß den Sonntag. Vielleicht musst du morgen kein neues Produkt erfinden.
Bis nächste Woche
Moritz